Frank Ilg

Head of Innovation / Future Products & Technologies | Verantwortlicher für den Bereich Disruptive Products & Technologies bei der PERI GmbH

PERI ist einer der größten Hersteller in der Schalungs- und Gerüsttechnik. Das Familienunternehmen wurde von Artur Schwörer in Weißenhorn gegründet und wird heute in zweiter Generation geführt.

Frank Ilg und sein Team konzentrieren sich besonders darauf, solche Themen zu bearbeiten, die durch ihren radikalen Charakter das bestehende Geschäftsmodell von PERI gefährden – und wie man diese Erkenntnisse als Grundlage für Innovation nutzen kann. Ziel ist die Entwicklung von disruptiven Business Models mit Bezug zu physischen Produkten. Die Kernaufgabe des Disruptive Products & Technologies Teams ist die Identifikation und Entwicklung von Baumethoden, die aufgrund der Erfüllung derselben Kundenbedürfnisse das Potential besitzen, Rahmenschalungen oder Gerüstlösungen zu ersetzen.

Bei Peri verantwortest Du den Bereich „Disruptive Products & Technologies“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir arbeiten proaktiv und starten mit Szenario Analysen, um ein Verständnis der Welt in ca. 20 bis 50 Jahren zu entwickeln. Auf Basis unseres jetzigen Wissens versuchen wir also, eine oder mehrere potenzielle Zukünfte zu beschreiben. Aus diesen Zukunftsbilder interpretieren wir Kundenbedürfnisse, die man entweder über disruptive Ansätze erarbeiten kann oder wir leiten aus den Bedürfnissen der Zukunft Anforderungen an die nächste Generation eines bestimmten Produkts, einer bestimmten Dienstleistung oder eines Geschäftsmodells her. Ich persönlich fokussiere mich auf radikale Innovation, also darauf, ganz neue Kernkompetenzen für PERI aufzubauen oder bestehende zu diskutieren. Zusammengefasst verfolgen wir also einen proaktiven Ansatz, um Kompetenzen zu erweitern und uns gleichzeitig davor zu schützen, von Dritten ersetzt zu werden. Und ein emotionales: die Neugier und die Freude des Ausprobierens hat doch jedes Kind, je nach Elternhaus und Schule wird das gefördert und verstärkt oder eben abgewöhnt und wegerzogen. Wir versuchen, die Freude am Neuen wieder entstehen zu lassen durch angstfreie Fehlerkultur, persönliche Freiräume und spannende Projekte abseits des Alltags. Der Vorbildrolle kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. So muss auch mein persönliches „Scheitern“ völlig transparent sein und der Lerneffekt im Vordergrund stehen.

An welchen Ideen arbeitet Ihr derzeit hauptsächlich?

Wir konzentrieren uns derzeit zum Beispiel auf den 3D-Druck über den es möglich ist, tragende Strukturen herzustellen, ohne dabei Schalungen einzusetzen sondern das Ganze über additive Fertigung zu produzieren.

„Veränderung von innen heraus“ ist das Motto eines besonders interessanten Projekts von Euch, dessen Ziel die Errichtung und Inbetriebnahme einer Betonhohlstein-Manufaktur und eines neuen Schulgebäudes im Kibera Slum in Nairobi (Kenia) ist. Kannst Du uns von diesem Projekt erzählen? Was ist der Ansatz dahinter? Wo steht ihr hier gerade?

Die Grundidee war, ein auf den Kibera Slum in Kenia abgestimmtes Bausystem für ein Informal Settlement zu erschaffen. Aus unserer Kollaboration mit dem Startup Start Somewhere aus München ist der sogenannte Twist Block entstanden, der auf die Bau-Anforderungen in Slums abgestimmt ist. Über den Twist Block Stein kann man jeden Winkel darstellen und somit jeden Quadratmeter ausnutzen. Der Stein ist flexibel anpassbar und rückbaubar. Die Menschen vor Ort können den Twist Block selbst in kleinen Manufakturen produzieren und Bauprojekte in der näheren Umgebung realisieren. So werden Arbeitsplätze geschaffen und die Infrastruktur in der Region auf ein höheres Level gehoben. PERI stellt die Schalung für den Bau der Twist Blocks in den Manufakturen vor Ort zur Verfügung. Lokale Bauunternehmer und NGOs unterstützen unser Projekt.

Welche Tipps hast Du für andere Innovatoren in Familienunternehmen, wie man disruptive Ideen und radikale Innovation umsetzen kann?

Der erste Schritt ist zu definieren, was radikale Innovation für jeden persönlich und dann im Allgemeinen für ein spezifisches Unternehmen bedeutet. In einem zweiten Schritt muss dann bestimmt werden, was mit radikaler Innovation erreicht werden soll und welche Mitarbeiter:innen die Themen am besten bearbeiten können. Hier spielen eine gewisse intrinsische Motivation und Herzblut sicher wichtige Rollen und natürlich ist es auch eine Typ Sache, ob jemand lieber radikal und vielleicht auch destruktiv verändert oder eher eine Idee evolutionär weiterentwickeln möchte. Es kann auch weiterhelfen zu erkennen, dass die Expertise im eigenen Unternehmen nicht ausreicht und man deshalb mit anderen Unternehmen kollaborieren sollte, um Kompetenzen zusammen zu bringen und Innovation schneller voranzutreiben.

Welche drei Trends werden Deiner Einschätzung nach unsere Wirtschaft und Gesellschaft bis 2040 fundamental beeinflussen?

Nachhaltigkeit ist sicher ein Thema mit dem sich jede Branche global auseinandersetzen muss. Automation ist bestimmt auch ein Trend und gesellschaftlich wird Sharing einen fundamentalen Einfluss auf verschiedenste Geschäftsbereiche haben. Diese drei Trends sind immer miteinander verknüpft und im besten Fall bearbeitet man ein Projekt, das in allen drei Bereichen zukünftig Wirkung zeigt.